(LWI 08-03-2008) Das Genderproblem und die Praevention von HIV und AIDS

Dirk-Michael Grötzsch dmg at lutheranworld.org
Fri Aug 8 08:20:49 CDT 2008


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Das Genderproblem und die Praevention von HIV und AIDS 

Traditionelle Geschlechterrollen tragen zur Verbreitung von HIV
bei

Mexiko-Stadt (Mexiko)/Genf, 8. August 2008 (LWI) - “Die
Maenner behandeln uns wie Tiere. Sie kommen rein, haben Sex und
gehen wieder.” So habe die Frau eines Christen in Burkina Faso
ihr Eheleben beschrieben, erzaehlt Pfr. Kouliga Michel Nikiema in
einem Workshop waehrend der Oekumenischen Vorkonferenz zum Thema
“Glaube in Aktion - Jetzt!” der 17. Internationalen
AIDS-Konferenz (IAK) in Mexiko-Stadt. Nikiema ist Direktor der
christlichen Organisation Vigilance in Ouagadougou (Burkina
Faso). Die Organisation bemueht sich darum, das Tabu um Themen
wie Sexualgesundheit sowie HIV und AIDS innerhalb der Kirchen zu
brechen. 

In den Mittelpunkt seiner Arbeit ruecke zunehmend das
traditionelle Geschlechterverhalten, das zur Verbreitung von HIV
und AIDS beitrage, so Nikiema. Nur wenn sich die Beziehung
zwischen Maennern und Frauen aendere, koenne die HIV und
AIDS-Pandemie erfolgreich bekaempft werden. 

Mit Unterstuetzung der britischen Hilfsorganisation Tearfund ist
Vigilance aktiv in der Eheberatung. Nikiema organisiert
Gender-Workshops und Seminare, in denen ueber Sexualitaet und
Geschlechterrollen gesprochen wird. Dabei arbeitet er mit allen
Kirchen seines Landes zusammen. 

Mit Hilfe einer neuen Interpretation der Bibel soll das
traditionelle Rollenverhalten in Frage gestellt werden. “Jesus
kam, um Mann und Frau zu versoehnen. In einer guten Beziehung tun
wir den Willen Jesu, der sagte: Lass sie eins sein, Vater, wie
wir eins sind.” Nikiema ist ueberzeugt, dass diese Strategie
bereits Fruechte traegt: Er bekomme viele Rueckmeldungen, dass
die Maenner mehr Respekt fuer die Frauen zeigten, dass sich
Kommunikation und Liebesleben verbessert haetten. 

“Befreiende Maskulinitaet”

Auch Pfr. Charles Klagba aus Togo, theologischer Berater der
Oekumenischen HIV und AIDS-Initiative in Afrika (EHAIA), ist
ueberzeugt, dass es sich bei der Praevention von HIV nicht
vermeiden laesst, das Genderproblem anzusprechen. EHAIA habe dazu
ein neues Konzept erarbeitet, das sich mit der “befreienden
Maskulinitaet” befasst. “Es geht darum, das
Rollenverstaendnis der Gesellschaft zu hinterfragen und sich von
ihm zu loesen. Wir klaeren immer die Frauen auf, aber wenn sie
zurueckgehen, sind sie in der gleichen Situation wie zuvor und
koennen nicht viel ausrichten, weil die Maenner sich nicht
aendern”, erklaert Klagba.

Die stark patriarchalisch gepraegte Hierarchie macht es Frauen,
vor allem in afrikanischen Laendern, schwer oder unmoeglich, sich
zu schuetzen. In Afrika liegt der Anteil der Frauen, die mit HIV
leben, laut dem deutschen Hilfswerk Brot fuer die Welt und einem
Positionspapier der daenischen Hilfsorganisation DanChurchAid bei
61 Prozent. “Frauen haben dort keine Entscheidungsmacht. Sie
koennen also mit ihren Maennern auch nicht ueber Kondome und
sicheren Sex verhandeln”, so Astrid Berner-Rodoreda,
HIV/AIDS-Beraterin bei Brot fuer die Welt. In vielen Laendern
Afrikas sei ausserdem die Polygamie weiterhin sehr verbreitet. 

Ein neues Positionspapier

“Human Rights, HIV/AIDS Prevention and Gender Equality: An
Impossible Cocktail for Faith Based Organisations?”
(Menschenrechte, HIV und AIDS-Praevention sowie Gendergleichheit:
Eine unmoegliche Mischung fuer religioese Organisationen?) lautet
der Titel eines neuen Positionspapiers fuer religioese
Organisationen. Entworfen wurde das Papier von DanChurchAid, in
Zusammenarbeit mit den Organisationen Christian Aid
(Grossbritannien), Brot fuer die Welt (Deutschland),
FinnChurchAid (Finnland), Norwegian Church Aid (Norwegen), icco
und Kerk in Actie (beide Niederlande). 

Jan Bjarne Sødal vom Christenrat von Norwegen und Martin
Rosenkilde Pedersen, Programmberater fuer HIV und AIDS bei
DanChurchAid, stellten das Dokument waehrend der Oekumenischen
Vorkonferenz zur IAK in Mexiko vor. Das Papier sei als Anregung
fuer andere Gruppen und Organisationen gedacht, so Pedersen,
insbesondere fuer die Partner im Sueden. 

Das Positionspapier ruft religioese Organisationen dazu auf, das
Recht der Frauen zur reproduktiven und sexuellen Gesundheit zu
staerken. Es heisst darin: “Das Recht, frei zu entscheiden,
wann sie keine Kinder bekommen moechten, geschuetzt zu sein vor
sexueller Noetigung, Beschneidung oder erzwungener
Schwangerschaft und Zugang zu haben zu sicherer Verhuetung, die
der Verbreitung von HIV vorbeugt - das sind essentielle
Menschenrechte und wichtige Bedingungen fuer jede effektive
Bemuehung in der HIV Praevention.” Gleichzeitig muessten die
Maenner stark einbezogen und ihr Sexualverhalten thematisiert
werden, so das Papier. 
Sødal kritisierte, dass die Kirchen traditionelle Rollen und
Ungleichheit oft unterstuetzt und aufrechterhalten haetten.
Gleichzeitig sei die Aufbrechung traditioneller Rollen eine
Herausforderung fuer alle Menschen: “Es gibt einige tief
verwurzelte patriarchale Einstellungen und Stereotype, die tief
in unsere Existenz verwoben sind, in unsere Traditionen und
Normen. Wir sind damit aufgewachsen. Beide, Maenner und Frauen,
unterstuetzen diese Traditionen und ungleichen Geschlechterrollen
bewusst oder unbewusst. Sind wir faehig, komplett daraus
herauszutreten?”, so Sødal aus Norwegen. (706 Woerter)

(Ein Beitrag von LWI-Korrespondentin Julia Heyde.)

Das Positionspapier (“Human Rights, HIV/AIDS Prevention and
Gender Equality: An Impossible Cocktail for Faith Based
Organisations?”) steht in englischer Sprache zum Download im
Format PDF zur Verfuegung unter:
www.danchurchaid.org/content/download/16610/130375/file/AidsPaper_WEB.pdf


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