(LWI 08-06-2008) FEATURE: Awar will nach Hause

Dirk-Michael Grötzsch dmg at lutheranworld.org
Fri Aug 8 13:23:17 CDT 2008


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FEATURE: Awar will nach Hause

Grosse Veraenderungen in kenianischem Fluechtlingslager unter
LWB-Verwaltung

Kakuma (Nordwestkenia)/Genf, 8. August 2008 (LWI) - In der
heissen, entlegenen und unwegsamen Region Lokichoggio im
Nordwesten Kenias mischen sich gegenwaertig bei den Fluechtlingen
aus dem Suedsudan, die dort Zuflucht gesucht hatten, Freude und
Traurigkeit. Bald werden sie das Fluechtlingslager Kakuma
verlassen, das vielen mehr als ein Jahrzehnt lang ein Zuhause
war.

“Ich glaube, dass der Suedsudan sicher ist. Ich bin bereit,
zurueckzukehren”, betont Kuei Awar im Gespraech mit Mitgliedern
des Rates des Lutherischen Weltbundes (LWB), die das
Fluechtlingslager Ende Juni im Vorfeld der Ratstagung in Arusha
(Tansania) besuchten. 

Nach 16 Jahren im Exil bereitet Awar ihre Heimkehr vor. “Als
ich hierher kam, war ich 15, ein unverheiratetes Maedchen. Jetzt
kehre ich als Mutter von sechs Kindern zurueck”, beschreibt sie
ihre Situation.

Gemeinsam mit anderen Fluechtlingen wurde Awar eine schulische
und berufliche Bildung ermoeglicht. Das Ganze hat sie nach ihren
Worten “mit einer weiteren ‘Errungenschaft’, einem Ehemann,
abgerundet”.

“Inzwischen sollte ich mich eigentlich in der Heimat wieder
einrichten, aber zu meiner grossen Freude habe ich gerade
Zwillinge bekommen. Also warte ich noch ein bisschen und werde
abreisen, sobald ich die Kleinen tragen kann”, erzaehlt sie in
der Rueckfuehrungsabteilung des Lagers.

Umfassendes Friedensabkommen

Vor drei Jahren ging in Kakuma, das etwa 100 Kilometer von der
Grenze Kenias mit dem Sudan und Uganda und fast 1.000 Kilometer
von der Hauptstadt Nairobi entfernt liegt, die gute Nachricht von
dem umfassenden Friedensabkommen ein, das die ehemalige
Rebellenorganisation SPLM/A (Sudanese People's Liberation
Movement/Army) und die Regierung des Sudan unterzeichnet hatten.
Die sudanesischen StaatsbuergerInnen, die vor den Folgen des
21-jaehrigen Buergerkriegs zwischen den Konfliktparteien geflohen
waren, kehrten nun in grosser Zahl nach Hause zurueck. Teilweise
organisierten sie die Rueckkehr selbst, teilweise wurden sie im
Rahmen der vom Hohen Kommissar der Vereinten Nationen fuer
Fluechtlinge (UNHCR) koordinierten Rueckfuehrung repatriiert.

Aus dem Lager, in dem das Kenia-Laenderprogramm der
LWB-Abteilung fuer Weltdienst (AWD) im Auftrag von UNHCR und
kenianischer Regierung federfuehrend operationell taetig ist,
wurden von der Organisation 4.686 Fluechtlinge bei der Heimkehr
unterstuetzt, 14.475 weitere kehrten 2007 eigenstaendig in ihre
Heimat zurueck.

In Zusammenarbeit mit ihren Partnern, etwa ACT International
(Action by Churches Together - Kirchen helfen gemeinsam), einem
weltweiten Buendnis von Kirchen und Partnerorganisationen,
versorgte die AWD die aus dem Sudan Vertriebenen mit Wasser,
Unterkuenften, Nahrungsmitteln und sonstigen Hilfsguetern.
Darueber hinaus richtete sie Schulen ein, um sicherzustellen,
dass die Schulausbildung der Kinder fortgesetzt werden konnte.

Mit der Rueckfuehrung der sudanesischen Fluechtlinge wird sich
die Demographie des Lagers, das eine Flaeche von ca. 25
Quadratkilometern einnimmt, erheblich veraendern. Im
LWB/AWD-Jahresbericht 2007 fuer Kenia und den Sudan (Titel: On
the Move) heisst es, Ende letzten Jahres lebten 60.842 Menschen
in Kakuma, was einem erheblichen Rueckgang im Vergleich zu den
87.086 Personen zu Jahresbeginn entspricht.

“Die Geber fuhren ihre Unterstuetzung fuer Fluechtlinge weiter
zurueck, was bei den Fluechtlingen die Besorgnis weckte, ob eine
erzwungene Rueckfuehrung zu erwarten sei und ob ihre
Grundbeduerfnisse und Grundrechte weiter beruecksichtigt
wuerden”, heisst es in dem Bericht.

“Die Mehrheit der Menschen hier ist aus dem Sudan. Durch ihre
Rueckkehr entsteht eine grosse Luecke”, stellt William Tembu,
Projektkoordinator im Lager, fest und fuegt hinzu, Anfang des
Jahres habe sich die Zahl der Rueckkehrenden nochmals erhoeht und
zwischen Maerz und Mai seien 8.500 Menschen in den Suedsudan
heimgekehrt.

“Sie [die Einheimischen] klagen schon darueber, dass alle
Sudanesinnen und Sudanesen Kakuma verlassen, denn das Lager hat
auch fuer sie einen Mehrwert”, so Philip Wijmans, AWD-Vertreter
in Kenia. Gleichzeitig verweist er darauf, dass eine Kerngruppe
von etwa 30.000 Personen aus anderen Laendern auch weiter im
Lager verbleiben werde.

Vorbereitungen

George Omondi, Jugend- und Entwicklungsreferent in Kakuma,
beschreibt, wie potenzielle Heimkehrende auf die Situation
vorbereitet werden, die auf sie zukommt: “Im Sudan wird
mehrheitlich Ackerbau und Viehzucht betrieben. Hier geht es um
Leute, die seit 16 Jahren nichts mehr mit dieser Lebensweise zu
tun haben. Einem Kind, das im Lager geboren wurde, wird das Leben
im Sudan zwangslaeufig fremd sein.”

Einige der Kinder kehren in eine Kultur zurueck, von der sie
nicht die geringsten Kenntnisse haben, erklaert Omondi. Unter
Beteiligung des LWB wuerden deshalb auch landeskundliche Kurse
angeboten, die den Menschen Traditionen und Riten wieder
nahebringen wollen. 

“Wir haben die sudanesischen Aeltesten gebeten,
Lebensgeschichten ueber ueberlieferte Heldengestalten zu
erzaehlen, um den jungen Menschen so die Moeglichkeit zu geben,
sich mit der Realitaet vor Ort auseinanderzusetzen.”

Gleichzeitig kommen neue BewohnerInnen im Lager an, wenn ihre
Zahl auch vergleichsweise gering ist. Im Jahr 2007 waren es fast
2.000 Menschen, meist somalische Fluechtlinge aus dem Lager
Dadaab (Nordostkenia). Andere kamen aus Aethiopien, Burundi, der
Demokratischen Republik Kongo, Ruanda sowie aus Darfur im Sudan.

Wijmans verweist auf die 14.000 SomalierInnen, die bereits in
Kakuma leben, und stellt fest, diese Gruppe werde durch die
Neuzugaenge aus Dadaab etwas anwachsen.

Konflikte im Lager

Der Bezirk Turkana gehoert zu den ariden/halbariden Gebieten, wo
extrem hohe Temperaturen, unregelmaessige Niederschlaege und
ausgedehnte Duerrezeiten vorherrschen. Die Viehzucht - Kamele,
Rinder, Esel - ist Haupteinkommensquelle der nomadischen
Hirtenbevoelkerung der Region. Seit 1992 die ersten 300
Fluechtlinge in Kakuma eintrafen, entstanden im alltaeglichen
Zusammenleben der Turkana mit der Lagerbevoelkerung Konflikte,
auch im Blick auf die Verteilung knapper Ressourcen wie Wasser,
Weideflaechen und medizinische Grundversorgung. Auf Betreiben des
LWB wurden Friedenskomitees gebildet, die dazu beigetragen haben,
bei den Fluechtlingsgruppen aus acht verschiedenen Laendern mit
je eigener Religion, Kultur und Tradition eine positive
Grundhaltung - auch in der Beziehung zur einheimischen
Bevoelkerung - zu foerdern.

“Frueher gab es gelegentlich Unsicherheit, aber durch den
Einsatz der Friedenskomitees hat das aufgehoert”, stellt
Patrick Losike, Mitglied des Regionalrates, fest. Allerdings
sieht er die Gefahr, dass die zunehmenden Perioden bedrohlicher
Wasserknappheit und die wenigen, knapp ausgestatteten
medizinischen Zentren die erreichte Harmonie bedrohen koennten.

“Am dringlichsten ist heute das Problem des Wassermangels. Es
gibt zwei Bohrloecher, eine Wassermuehle und ein Bohrloch am
Fluss. Sie alle werden aber wegen der haeufigen Pannen und des
Dieselmangels zu wenig genutzt. Hier ist die Rationierung von
Wasser die Regel. Das ist inakzeptabel”, betont Cosmas Nakaya,
Vorsitzender des Regionalrates. 

Angesichts der Rufe der VerantwortungstraegerInnen aus der
Region nach fortgesetzter Unterstuetzung durch die AWD erklaerte
LWB-Schatzmeister Peter Stoll, der der Delegation des LWB-Rates
angehoerte, die Kakuma besuchte: “Wir sind hierher gereist, um
die Probleme besser zu verstehen und uns darueber klar zu werden,
wo Verbesserungen noetig sind. Wenn wir also zusammen daran
arbeiten, koennen wir Frieden schaffen.” 

Inmitten der grossen Veraenderungen, die die verschiedenen
Bevoelkerungsgruppen in Kakuma durchlaufen, geht das alltaegliche
Leben weiter: Maedchen oder Jungen spielen Fussball und
Basketball, eine grosse Zahl ZuschauerInnen feuert sie an. Vom
LWB unterstuetzte einkommensschaffende Massnahmen fuer Frauen und
handwerkliche Bildungsangebote fuer Maenner, etwa Tischlerei,
eroeffnen den Fluechtlingen Moeglichkeiten, ihre Familie
finanziell besser zu versorgen. (1.092 Woerter)

(Ein Beitrag von LWI-Korrespondent Fredrick Nzwili aus Nairobi,
Kenia.)

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