(LWI 08-05-2008) Lutherische TheologInnen diskutieren pfingstkirchliche Einfluesse in Afrika

Dirk-Michael Grötzsch dmg at lutheranworld.org
Fri Aug 8 13:13:31 CDT 2008


LWI online unter: www.lutheranworld.org/News/Welcome.DE.html 


LUTHERISCHE WELT-INFORMATION
Postfach 2100, CH-1211 Genf 2, Schweiz
Deutsche Redaktion: Dirk-Michael Groetzsch
Tel.:	+41-22-791-6352
Fax:	+41-22-791-6630         
E-Mail: dmg at lutheranworld.org 

Lutherische TheologInnen diskutieren pfingstkirchliche
Einfluesse in Afrika

Aufruf an Kirchen, auf tatsaechliche Beduerfnisse der Menschen
einzugehen

Soweto (Suedafrika)/Genf, 8. August 2008 (LWI) - Innerhalb der
lutherischen Kirchen in Afrika besteht im Blick auf Heilung,
Exorzismus, Zeugnis, Zungenrede und andere aus der Praxis der
Pfingstkirchen bekannte Aspekte eine grosse Vielfalt. Bestimmte
lutherische theologische Ueberzeugungen allerdings, etwa der
Vorrang der Gnade Gottes, haben fuer die Bewertung derartiger
Formen wesentliche Bedeutung.

Dies wurde bei einem vom Lutherischen Weltbund (LWB) vom 6. bis
11. Juli veranstalteten theologischen Seminar deutlich, an dem 30
TheologInnen aus verschiedenen Teilen Afrikas sowie weltweit
teilnahmen. Sie befassten sich mit dem Thema “Wesentliche
Aspekte lutherischer Glaubensueberzeugung und Praxis im
Verhaeltnis zur neupfingstlichen Bewegung”. Das Seminar in
Soweto (Suedafrika) wurde von der LWB-Abteilung fuer Theologie
und Studien (ATS) organisiert. Gastgeberin war die
Evangelisch-Lutherische Kirche im Suedlichen Afrika (ELKSA). Es
war das sechste Seminar in der ATS-Studienreihe “Theologie im
Leben der Kirche”.

In seinem Hauptreferat differenzierte Prof. J. Kwabena
Asomoah-Gyadu vom Trinity Theological Seminary in Accra (Ghana)
zwischen der klassischen Pfingstbewegung und juengeren
neupfingstlicher Schwerpunktsetzungen im Rahmen einer Theologie
des Wohlstands und des gesellschaftlichen Aufstiegs. “Zugang zu
und Demokratisierung von Charisma ist der Schluesselfaktor, der
in Kirchen neues Leben weckt, in denen geistliche Stagnation und
eine Ueberbetonung des Intellekts wahrgenommen wird”, so
Asomoah-Gyadu.

Er hob weiterhin hervor, im Neuen Testament seien die Kirchen in
ihrer Erfahrung der bevollmaechtigenden Gegenwart Gottes “durch
und durch charismatisch”, und arbeitete heraus, wie vielfaeltig
und vielgestaltig sich Pfingstbewegung und charismatische
Erneuerungsbewegungen darstellen: “Eine jede solche
Erneuerungsbewegung ist potenziell eine neue Kirche, abhaengig
davon, wie mit ihr umgegangen wird.”

Biblische Verstehensweisen

Dr. Sarojini Nadar von der University of Kwazulu-Natal in
Pietermaritzburg (Suedafrika) warnte davor, dass “sola
scriptura” (allein durch die Schrift) entsprechend dem
Verstaendnis vieler NeupfingstlerInnen dazu fuehre, dass die
Bibel, im Gegensatz zur von Luther vertretenen christologischen
Hermeneutik, in einem vierfachen Ansatz als nie irrend,
unfehlbar, inspiriert und unmittelbar betrachtet werde. Die
Referentin befuerwortete biblische Auslegungsansaetze, die das
verwandelnde Wirken des Heiligen Geistes ernst nehmen und, etwa
in der Begleitung misshandelter Frauen, das Leben staerken,
anstatt sich ihm zu verschliessen.

Der argentinische Theologe Dr. Guillermo Hansen kritisierte auf
der Grundlage lateinamerikanischer Erfahrungen mit Pfingstkirchen
deren Schwerpunktsetzung bei der Heiligung alles Profanen. Fuer
Luther sei im Gegenteil die Heiligung “eine Frage von Glauben
und Liebe innerhalb der geschaffenen Ordnungen” von Politik,
Wirtschaft und Familienleben. Der Heilige Geist “erfuellt in
unserem Leib und unserem Verstand die Gebote der zweiten
Gesetzestafel” und bestaetige und erfuelle so die ganze
Schoepfung, betonte Hansen.

Aktive Rolle im Gottesdienst

Die Liturgie als Drama im Spannungsbogen von Karfreitag bis
Ostern nahm Bischof Musawenkosi D. Biyela, Ostdioezese der ELKSA,
zum Ausgangspunkt fuer die Feststellung, dass PfingstlerInnen
sich grossteils nur auf Ostern konzentrierten, anstatt darauf,
wie das Kreuz gegenwaertiges Leid verwandle. “Es ist notwendig,
ein gutes Gleichgewicht zwischen Struktur (Ordnung, Wuerde) und
Ekstase zu finden. Am Gottesdienst sollten alle aktiv beteiligt
werden, er darf nicht auf das alleinige Handeln des Pfarrers oder
der Pfarrerin reduziert sein.” Biyela warnte weiterhin vor
“Wunder-Kreuzzuegen”. “Hat Jesus jemals seine Wunder an
die grosse Glocke gehaengt?” 

Pfarrerin Gertrud Toensing, vom Lutheran Theological Institute
in Pietermaritzburg, bot eine kritische Analyse des theologischen
Gehalts beliebter pfingstlicher Lobpreislieder, die zunehmend
auch in vielen lutherischen Kirchen Einzug halten.

In mehreren Gruppengespraechen betonten die Teilnehmenden, dass
wichtige Aufgaben der Kirche im Eingehen auf die tatsaechlichen
Beduerfnisse der Menschen, in der Entwicklung starker
partizipatorischer Gottesdienstformen und der Achtung der
vielfaeltigen Gaben und Fruechte des Heiligen Geistes bestuenden.
“Viele Menschen verlassen die lutherischen Kirchen, weil sie
das Gefuehl haben, es werde nicht zugelassen, dass sie ihre
Geistesgaben praktizieren”, merkte Grace Ufan Friday,
Evangelistin der Lutherischen Kirche Nigerias, an.

Manche afrikanischen lutherischen Kirchen, etwa in Madagaskar
und Aethiopien, bieten regelmaessig Heilungsgottesdienste an und
haben auch andere charismatische Elemente in ihre Praxis
aufgenommen. In anderen Kirchen herrscht groessere
Zurueckhaltung. “Wir muessen unsere Kirchen veraendern”,
forderte Pfarrerin Faith Lugazia von der Evangelisch-Lutherischen
Kirche in Tansania. Pfr. Yako Galana Babusa, Kenianische
Evangelisch-Lutherische Kirche, stellte fest: “Wo falsches
Zeugnis abgelegt wird, habe ich Probleme. Wie gehen wir damit
um?”

Der namibische Theologe Dr. Paul John Isaak, der gegenwaertig am
Oekumenischen Institut Bossey (Schweiz) lehrt, verwies darauf,
dass rechter Glaube und rechte Praxis nicht genuegten, sondern
mit einer “rechten Herzenshaltung” gegenueber Gott und den
Mitmenschen verbunden sein muessten. Alle Teilnehmenden stimmten
darin ueberein, dass besonders Laien verstaerkt ueber den
Heiligen Geist und die grosse Vielfalt seiner Gaben unterwiesen
werden muessten.

Weitere Teilnehmende waren aus Aethiopien, Deutschland, Kamerun,
Madagaskar, Sambia, Simbabwe, Swasiland, den USA und der
Zentralafrikanischen Republik angereist. Im Laufe des Jahres wird
LWB/ATS im vierten Band der Reihe “Theologie im Leben der
Kirche” die Referate und Diskussionsergebnisse des Seminars
veroeffentlichen. (765 Woerter)

Weitere Informationen zu den Publikationen der Reihe
“Theologie im Leben der Kirche” finden Sie unter
www.lutheranworld.org/What_We_Do/Dts/DTS-Publications.pdf 

*       *       *

Der Lutherische Weltbund (LWB) ist eine Gemeinschaft
lutherischer Kirchen weltweit. 1947 in Lund (Schweden)
gegruendet, zaehlt er inzwischen 141 Mitgliedskirchen, denen rund
68,3 Millionen ChristInnen in 79 Laendern weltweit angehoeren.

Das LWB-Sekretariat befindet sich in Genf (Schweiz). Das
ermoeglicht eine enge Zusammenarbeit mit dem Oekumenischen Rat
der Kirchen (OeRK) und anderen weltweiten christlichen
Organisationen. Der LWB handelt als Organ seiner Mitgliedskirchen
in Bereichen gemeinsamen Interesses, z. B. oekumenische und
interreligioese Beziehungen, Theologie, humanitaere Hilfe,
Menschenrechte, Kommunikation und verschiedene Aspekte von
Missions- und Entwicklungsarbeit.

Die LUTHERISCHE WELT-INFORMATION (LWI) wird als
Informationsdienst des Lutherischen Weltbundes (LWB)
herausgegeben. Veroeffentlichtes Material gibt, falls dies nicht
besonders vermerkt ist, nicht die Haltung oder Meinung des LWB
oder seiner Arbeitseinheiten wieder. Die mit “LWI”
gekennzeichneten Beitraege koennen kostenlos mit Quellenangabe
abgedruckt werden. 





More information about the Wfn-editors mailing list